AMERIKA WOCHE

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Titel: Anmerkungen für: Menschenrechtspreis geht an Herta Müller Verfasst am: So Nov 01, 2009 5:00 am |
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Menschenrechtspreis geht an Herta Müller
Frankfurt/Main (dpa) - Die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller
(56) ist mit dem Franz-Werfel-Menschenrechtspreis der Stiftung "Zentrum
gegen Vertreibungen" ausgezeichnet worden. "Ich bedanke mich für den
Franz-Werfel-Preis. Besonders bedanke ich mich dafür, weil ich nicht zu
den Unterstützern des Zentrums gegen Vertreibungen zähle und ihn
trotzdem bekommen habe", sagte die aus dem Banat stammende
Schriftstellerin am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche. Dies sagte
sie voller Dankbarkeit, deutete aber auch an: Vereinnahmen lässt sie
sich nicht. Müller erhob zudem Vorwürfe gegen die Evangelische Kirche.
Vor knapp 1000 Gästen in der bis auf den letzten Platz gefüllten
Paulskirche wurde Müller für ihr jüngstes Werk "Atemschaukel" geehrt.
Darin schildert sie die Deportation eines Rumänien-Deutschen in ein
sowjetisches Arbeitslager nach 1945. Der Roman beruht vor allem auf
Erzählungen des selbst deportierten und im Jahr 2006 gestorbenen
Schriftstellers Oskar Pastior. Sein Bruder Peter saß am Sonntag unter
den Zuschauern, wie auch einige Überlebende sowjetischer Arbeitslager.
Die bewegende Laudatio auf die zierliche Frau, die wie gewohnt ganz in
Schwarz gekleidet war, hielt der Autor Ilija Trojanow. Er war als Kind
mit seiner Familie aus Bulgarien geflohen. Statt einer großen
Dankesrede las Müller aus der "Atemschaukel" vor. Zugleich erklärte sie
aber auch, dass Funktionsträger der Landsmannschaft mit dem rumänischen
Geheimdienst Securitate gegen sie zusammengearbeitet hätten. Seit
kurzem beschäftige sie außerdem die Frage: "Was ist mir der
evangelischen Kirche in Rumänien?". Im Jahr 1989 habe man sie und ihren
damaligen Mann auf rumänischen Druck vom Deutschen Evangelischen
Kirchentag ausgeschlossen, dies belege die Tonband-Aufzeichnung eines
Telefonats, die ihr seit kurzem vorliege, sagte die Nobelpreisträgerin.
Damals habe man sie kurzfristig mit der "merkwürdigen Begründung, sie
sei nicht evangelisch, sondern katholisch" ausgeladen.
Der mit 10 000 Euro dotierte Preis, der alle zwei Jahre vergeben
wird, ist nach dem jüdischen Schriftsteller Franz Werfel (1890-1945)
benannt. Preisträger 2007 war der ungarische Autor György Konrad.
Erika Steinbach, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, sagte:
"Herta Müllers jüngstes literarisches Werk trägt das in breiter Masse
unbekannte Schicksal der in sowjetische Lager verschleppten Deutschen
in das Licht der Öffentlichkeit." Sie erinnerte an die rund 80 000
"Volksdeutschen", die in Lager der Roten Armee deportiert worden seien.
Steinbach betonte, dass die Jury-Entscheidung bereits vor der
Bekanntgabe des Nobelpreises für Müller gefallen war.
Der in Wien lebende Trojanow ("Der Weltensammler") stellte in
seiner Laudatio heraus, wie Müller in ihrem Werk zur Verteidigung der
Menschenrechte beiträgt. "Ich möchte neben ihrer Dichtkunst auch ihre
Hingabe und ihren Mut preisen, in fester Überzeugung, dass ihre Stimme
sowohl für unser Verhältnis zur Vergangenheit als auch die Vision einer
würdevolleren Zukunft unabdingbar ist." Tote unterlägen keinen
Menschenrechten. Müller sei "jemand, der sich unbeugsam die Aufgabe
gestellt hat, die Verstummten zum Wort zu erwecken".
Ob unter den Nazis oder den Stalinisten, im Osten des Kontinents
habe es mehr Opfer als anderswo gegeben, mahnte Trojanow. "Im Osten
fallen Erinnerungen und Geschichtsschreibung weiterhin auseinander",
betonte er. "Die gealterten Mörder pflücken heute Pflaumen in ihren
Sommergärten. Dagegen steht nur das gemahnende Wort."
Zuvor hatte sich Herta Müller, die sich im Blitzlichtgewitter
sichtlich unwohl fühlte ("Ich bin jetzt sehr müde. Ich kann keine
Interviews mehr geben."), in das Goldene Buch der Stadt Frankfurt
eingetragen. Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) würdigte sie mit den
Worten: "Seit Albert Schweitzer ist wohl kein Nobelpreisträger stärker
im geistigen Leben unserer Stadt verankert als Herta Müller. (...) Die
Frankfurter kennen Herta Müller, und schätzen sie."
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