"Genug Geld für alle Ziele" - Deripaska sprüht vor Selbstvertrauen
Von Stefan Voß, dpa
Wer es in Russland zu etwas gebracht hat, zeigt seinen Erfolg gern am Handgelenk. Dass der zukünftige Präsident Dmitri Medwedew nun auch wie sein Mentor Wladimir Putin eine Luxus- Armbanduhr der Marke Breguet bevorzugt, ist ein Thema in den Medien. Oleg Deripaska trägt dagegen eine klobige Quarzuhr mit schwarzem Plastikarmband. Er kann sich diesen Tabubruch leisten. "Es geht nicht nur darum, Geld anzuhäufen", sagt der Mann, der als Russlands reichster Oligarch mit besten Beziehungen zum Kreml gilt.
Auf der jüngsten "Forbes"-Liste der Superreichen weltweit belegt Deripaska mit 18,3 Milliarden Euro Rang neun. Der durchtrainierte 40- Jährige hat seinen Geschäftspartner Roman Abramowitsch bei den Finanzen längst überholt. Während es der Boss des FC Chelsea mit seinen Yachten oder seiner Scheidung auf die Titelseiten der Boulevardblätter schaffte, sorgte Deripaska für Schlagzeilen in der Wirtschaftspresse. So schmiedete er den weltweit größten Aluminiumkonzern, stieg bei den Baukonzernen STRABAG und HOCHTIEF ein und will nun sein Flaggschiff RusAl mit Norilsk Nickel zu einem der international führenden Metallurgie-Konzerne verschmelzen.
Beim Mittagessen im edlen Moskauer Café Puschkin lässt Deripaska nach der Vorspeise mit Krebsfleisch und Stör im Interview seinem Optimismus freien Lauf. Ob russischer Machtwechsel, Finanzkrise im Westen oder eigene Strategien: "Russland hat genug Geld, um die Ziele zu erreichen", lautet seine Standardantwort auf viele Fragen. Niemand solle glauben, dass durch den Stabwechsel von Putin an Medwedew Anfang Mai eine Phase der Instabilität in Russland eintreten werde.
Politik und Wirtschaft stünden in der Pflicht. "Deshalb ist Putin seiner Verantwortung gerecht geworden und hat einen Plan bis zum Jahr 2020 aufgestellt", erklärt der Milliardär. Wie kaum ein zweiter Industrieller soll Deripaska von der Gunst des Kremls profitiert haben. Entsprechend groß ist sein Lob für Putin. Andere Oligarchen mit direktem Zugang zur Macht sehen die Verhältnisse kritischer. Putin sei die beste aller schlechten Varianten, machte ein Industrieboss Ende 2007 im kleinen Kreis deutlich, als noch über eine dritte Amtszeit spekuliert wurde.
Deripaska scheffelte schon mit Mitte 20 seine ersten Millionen. Die teilweise blutigen Verteilungskämpfe in den 1990er Jahren, aus denen Deripaska als Milliardär hervorging, haben zumindest äußerlich bei ihm keine Spuren hinterlassen. Er gibt sich betont selbstsicher, ohne dabei auf eine plumpe Art überheblich zu wirken. Sein Konzern sei zuletzt derart schnell gewachsen, dass er erstmal Zeit zur Konsolidierung brauche. Deshalb verspüre seine Investmentgesellschaft Basic Element (BasEl) auch beim Thema Börsengang keine Eile.
Um die Kosten braucht sich der Oligarch bei Rekordnotierungen für Rohstoffe, explodierenden Immobilienpreisen und dem baldigen Aufstieg Russlands zu Europas Autonation Nummer eins wenig Sorgen zu machen. Der Aluminiumzar, Baumagnat und Autobauer spielt selbst in Russland in einer eigenen Liga. Die Berichte über sein Vermögen will er aber so nicht stehenlassen. "Das stimmt nicht ganz", erklärt er. "Forbes" zähle nur das Vermögen und lasse Verbindlichkeiten außen vor. Seine Unternehmen sind nicht an der Börse und deshalb schwer zu schätzen. "Es gibt andere Typen, die noch wichtiger sind", sagt Deripaska. Damit ist das Thema "reichster Russe" für ihn erledigt.
Niemand in Russland dürfte aber derzeit so erfolgreich wie er sein und einen derart guten Draht in den Kreml haben. Wenn Deripaskas Manager bei Übernahmekandidaten im Westen vorfühlen, schrillen dort die Alarmsirenen. Groß ist die Furcht vor einer Einflussnahme des Kremls. In den USA gilt seit Jahren ein Einreiseverbot gegen ihn. Grund sei der Verdacht von Beziehungen zur organisierten Kriminalität, schreibt das "Wall Street Journal". Der Oligarch dementiert dies.
Im Gespräch meint Deripaska, die Vorbehalte gegenüber kremlnahen Oligarchen seines Schlages seien nur auf Unwissen zurückzuführen. "Diese Missverständnisse haben uns bislang keine Probleme bereitet." Die Forderung, Klarheit über seine finanziellen Beziehungen zur Macht zu schaffen, perlt an ihm ab. Die Zeiten, in denen sich Russland Bedingungen des Westens diktieren lassen musste, seien zum Glück vorbei, entgegnet Deripaska.
Die Formulierung "unklare Verhältnisse" nutzt der studierte Physiker, um zum Gegenschlag auszuholen. Ihm sei in der EU im Gegensatz zu China noch viel mehr unverständlich. Vor allem die deutsche Umweltpolitik verwirre ihn, nicht nur in der Atomfrage. Fast habe es den Anschein, als wolle die Politik die eigenen Autokonzerne mit Umweltauflagen erwürgen, sagt der Besitzer der GAZ- Automobilwerke. Mit der Traditionsmarke Wolga will er auf dem russischen Markt zum Gegenangriff auf die internationale Konkurrenz blasen. Fünf Prozent am US-Branchenprimus General Motors soll er Moskauer Medien zufolge auch schon besitzen.
11:45 28-04-2008
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