Woche der Abrechnung bei Siemens - Ex-Management unter Druck
Von Christine Schultze, dpa
Beim skandalgebeutelten Elektrokonzern Siemens erreicht die Aufarbeitung der Vergangenheit in dieser Woche einen neuen Höhepunkt. Am Dienstag befasst sich der Aufsichtsrat in seiner mit Spannung erwarteten Sitzung mit den neuesten Erkenntnissen in der milliardenschweren Schmiergeld-Affäre, bevor Konzernchef Peter Löscher dann am Mittwoch die Siemens-Halbjahresbilanz vorlegt. Für das frühere Management um den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Heinrich von Pierer, der zuletzt immer stärker unter Druck geraten war, könnte es eine Woche der Abrechnung werden. In den vergangenen Wochen war die Siemens-Führung deutlich auf Distanz zu ihren Vorgängern gegangen. Dass dies mit drohenden Strafzahlungen der US- Börsenaufsicht SEC zusammenhängt, liegt für Beobachter auf der Hand. "Denen sitzt die SEC nicht nur im Nacken, sie sitzt ihnen auch im Haus", heißt es.
Fast täglich haben die Spekulationen um den Korruptionsskandal in den vergangenen Wochen neue Nahrung bekommen. Im Mittelpunkt dabei die Fragen: Wer wusste wann wieviel vom System der schwarzen Kassen, das Siemens zur Erlangung von Auslandsaufträgen angelegt haben soll, und wer hat sich aktiv am Aufbau dieses Systems beteiligt oder ihn geduldet, ohne einzugreifen. Für Wirbel sorgte erst vor wenigen Tagen der Rücktritt von Medizintechnik-Vorstand Erich Reinhardt, der damit die Konsequenzen aus neuen Informationen in der Affäre zog. Pierer, der bisher jede Verstrickung in den Skandal von sich gewiesen und seine Unschuld beteuert hat, geriet zuletzt durch Medienberichte über zweifelhafte Argentinien-Geschäfte unter Druck und muss nun ein Ermittlungsverfahren fürchten, über das die Staatsanwaltschaft München ebenfalls noch in dieser Woche entscheiden dürfte.
Letztlich könnten Schadenersatzforderungen des Konzerns auf den langjährigen Konzernchef sowie andere Mitglieder des früheren Vorstands zukommen. Bei der Entscheidung darüber stützen sich die Siemens-Aufseher vor allem auf den Zwischenbericht der mit internen Ermittlungen beauftragten US-Kanzlei Debevoise Plimpton, über den sie am Dienstag beraten. Aktionärsschützer gehen fest davon aus, dass dabei auch mögliche Regressforderungen auf der Tagesordnung stehen. Konzernchef Löscher müsse dies "gnadenlos durchsetzen, auch für das Image des Unternehmens", fordert Harald Petersen von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. "Löscher hätte viel zu verlieren, wenn er es nicht machen würde." Dass die frühere Führung von Schmiergeld-Zahlungen keine Kenntnis gehabt haben soll, hält der Aktionärsschützer für schwer vorstellbar. "Man hat als Vorstand ja gewisse Überwachungspflichten."
Aber auch im operativen Geschäft kämpfte Siemens zuletzt mit Altlasten aus der Vergangenheit. Bei seiner Halbjahresbilanz muss Löscher über Schwierigkeiten bei der Abwicklung von Großaufträgen im Kraftwerksbau sowie im Bahn- und im IT-Geschäft berichten, die im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres 2007/08 (30. September) mit rund 900 Millionen Euro schwer auf das Konzernergebnis drückten. Mitte März hatte Siemens deshalb bereits seine Gewinnerwartungen gesenkt und Fehleinschätzungen bei Personal-, Planungs- und Zuliefererkapazitäten einräumen müssen. Bei den Anlegern sorgte das für einen Schock: Innerhalb eines Tages verlor der Konzern in der Spitze fast 14 Milliarden Euro an Börsenwert.
Weitere Belastungen könnte die Restrukturierung der zum Verkauf stehenden Telefon-Netzwerksparte SEN mit sich gebracht haben, in der Siemens bis zu 2000 Stellen streichen will. Insgesamt aber sieht Branchenexperte Theo Kitz von Merck Finck Siemens operativ "gesund aufgestellt". "Es gibt durchaus viele Bereiche, die sehr erfreulich laufen", sagt der Analyst. Auch der Korruptionsskandal habe bisher keine negativen Folgen für den Auftragseingang gehabt. Allerdings müssten die Auswirkungen der Konjunkturabschwächung in den USA und der anhaltenden Dollar-Schwäche abgewartet werden, sagt Kitz. Besonders im Blick stehen daher die neuen Erwartungen fürs Gesamtjahr, zu denen sich Löscher am Mittwoch äußern dürfte. Nach bisherigen Erwartungen sollte der Umsatz des Konzerns von zuletzt 72,5 Milliarden Euro im fortgeführten Geschäft 2007/08 doppelt so schnell zulegen wie die Weltwirtschaft und das operative Ergebnis nochmals doppelt so stark. "Dass das nicht mehr zu erreichen ist, ist mit der Gewinnwarnung im März klar geworden", sagt Kitz.
12:17 28-04-2008
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