Warum Ökonomen so oft daneben liegen
Schrumpft die Wirtschaft um vier, fünf - oder sogar sieben Prozent? Wirtschaftsforscher überbieten sich in diesen Tagen mit Negativprognosen. Dabei lagen die Experten schon oft daneben, selbst in ruhigeren Zeiten. SPIEGEL ONLINE stellt die schlechtesten Konjunkturpropheten vor.
Hamburg - Die Aussichten für dieses Jahr sind düster, so viel ist
sicher. Nur wie düster - das ist die große Frage. Die Bundesregierung
erwartet laut einem Zeitungsbericht einen Konjunktureinbruch von 4,5
Prozent, inklusive Steuerausfälle in Milliardenhöhe und mehr als vier Millionen Arbeitslose. Aber vielleicht wird alles auch viel schlimmer. Oder doch nicht?
Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Auch die Wirtschaftsweisen lagen daneben
Nie war es so schwierig, eine seriöse Wirtschaftsprognose zu
erstellen wie in der aktuellen Megakrise. Manche Ökonomen hoffen
bereits auf eine langsamere Fallgeschwindigkeit, wie Ifo-Fachmann Klaus Abberger. Andere sprechen dagegen von einer tiefen Dauerkrise, die noch im kommenden Jahr anhalten dürfte.
Als Laie steht man nur staunend vor all den Zahlen - und weiß nicht,
woran man glauben soll. Für große Verunsicherung sorgte in diesen Tagen
die Commerzbank
.
Am Montag veröffentlichte sie eine Studie, wonach die deutsche
Wirtschaft in diesem Jahr um bis zu sieben Prozent schrumpfen könnte - damit führt das Geldhaus die Reihe der Negativprognosen an.
Einen Tag später teilte das Institut dann mit, die jüngsten Daten zum
Einkaufsmanagerindex in der Eurozone machten "Hoffnung auf eine
Verlangsamung der wirtschaftlichen Talfahrt im Frühjahr".
Ja, was denn nun? Geht es mit der deutschen Wirtschaft rapide abwärts - oder nur ein bisschen?
Noch nie standen Wirtschaftsforscher so in der Kritik wie in der
aktuellen Finanzkrise. Kaum ein Experte hat die Verwerfungen
vorhergesehen - und nun, da ohnehin alle wissen, dass es um die
Wirtschaft mies steht, überschlagen sich die Ökonomen mit
Horrorprognosen.
Manche Kritiker sehen bereits die Gefahr einer sich selbst
erfüllenden Vorhersage: Je schlechter die Prognose, desto schlechter
wird es tatsächlich. Andere warnen vor einem zerstörerischen Wettbewerb
um die pessimistischste Vorhersage. Nach dem Motto: Wenn die Deutsche
Bank minus fünf Prozent sagt, behauptet die Commerzbank minus sieben
Prozent, damit sie in die Zeitung kommt.
Doch was ist die Alternative? Sollen die Forscher ihre Ergebnisse
schönen - damit sich die Konsumenten keine Sorgen machen und weiter
fleißig einkaufen? Tatsächlich werden derartige Vorschläge an die
Institute - und auch an die Medien - herangetragen. Das Münchner
Ifo-Institut sah sich im Dezember genötigt, per Mitteilung etwas
klarzustellen: "Für eine Manipulation der Prognose zum Zweck der
Beruhigung der Öffentlichkeit steht das Institut nicht zur Verfügung."
Manche Experten kamen der Wahrheit näher als andere
Einen ausgefallenen Vorschlag machte im vergangenen Herbst Klaus
Zimmermann, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung
(DIW). Er forderte einen Prognose-Stopp. In Krisenzeiten ließe sich die
Konjunktur ohnehin nicht seriös vorhersagen.
Sein Verdacht: Manche Institute wollten mit ihren Negativprognosen die
Position der Arbeitgeber für die anstehenden Lohnverhandlungen
verbessern. "Vielleicht wird da ein bisschen zweckdramatisiert."
Der Protest der anderen Institute ließ nicht lange auf sich warten:
Natürlich brauche das Land Wirtschaftsprognosen, wetterten Zimmermanns
Kollegen. Dies gelte umso mehr in Krisenzeiten. Manche Konkurrenten
munkelten gar, Zimmermann sei nur frustriert, weil sein DIW beim
Gemeinschaftsgutachten der führenden Institute im Herbst nicht mehr
mitmachen durfte.
Fest steht: Nicht alle Experten lagen von der Wahrheit gleich weit
entfernt. Manche kamen an die Realität sogar recht nah heran, wie
beispielsweise die OECD (siehe Tabelle). Das Ifo-Institut hatte schon
im Frühjahr vor einem Ende des Aufschwungs gewarnt. "Die Party ist
vorbei", lautete die Überschrift einer Mitteilung vom März 2008.
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